Afrika: Wie aus der Not eine Tugend zu werden scheint

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Jan Kristof Arndt 26 März 2019

Man kann sich nur vorstellen, wie es gewesen sein mag, als Dornröschen nach hundert Jahren –jenseits von Gut und Böse– aus seinem Schlaf erwachte. Schlaftrunken wird es gewesen sein, das Röschen. Und etwas irritiert. Von Kaffee wird in den alten Märchen eher selten berichtet und so wird es einen Moment gedauert haben, bis sie –die Prinzessin– verstanden hatte, was um sie herum geschah und dass es nun an ihr läge, die Situation zum Besseren zu verändern.

In meiner Geschichte ist Afrika die erwachende Schönheit; ein Kontinent, gefangen zwischen Tradition und Fortschritt – Elend und Reichtum – Verzweiflung und der Hoffnung, dass sich doch Vieles zum Besseren entwickeln wird; zumindest, wenn es denn gelingen sollte, die erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen – und das ist eine der größten globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Ich möchte Sie bitten, folgende Frage ehrlich zu beantworten: Welche Erzeugnisse fallen Ihnen ein, wenn Sie an Afrika denken? Und versuchen Sie gar nicht erst, gängige Stereotype bewusst auszuklammern. Genau darum geht es ja. Wenn Sie mir diese Frage stellen würden, käme ich zuerst auf spirituell anmutende Holzmasken. Und auf vielfarbige Stoffe mit schönen Mustern. Darüber hinaus assoziiert man Afrika natürlich auch mit seinen Bodenschätzen – und der Tatsache, dass die entsprechenden Schürf- und Abbaurechte oft schon vor Jahrzehnten am Weltmarkt verscherbelt wurden. Ein Umstand, der einen verzweifeln lassen könnte … und doch –wer weiß– wird in dieser Tatsache vielleicht die Triebfeder für zukünftige Erfolge stecken. Not macht eben erfinderisch, wie wir weiter unten noch sehen werden.

Früher waren es die kolonialen Mächte, die nur so viel Fortschritt zuließen, wie es ihnen nutzte. Heute aber wirken vor allem innere Kräfte, die den Status quo mit eiserner Faust verteidigen; erlaubt er ihnen doch ein Leben in Saus und Braus. In diesen Kreisen wäre die Entdeckung des eigenen Gewissens eine Innovation – und zwar mit weitreichenden Folgen. Hiervon betroffen sind vor allem „stark defekte Demokratien“ wie Burkina Faso, „gemäßigte Autokratien“ wie Togo und Mauretanien und natürlich die „harten Autokratien“, zu denen z.B. die (so gar nicht) Demokratische Republik Kongo gehört. In diesen Ländern bedeutet das Recht des Einzelnen nichts – zumindest, wenn man nicht aus einer der wenigen reichen Familien stammt. Diese Länder sind Gefangene ihrer eigenen Traditionen, ohne diese als grundsätzlich falsch verurteilen zu wollen, und religiöser Konflikte. Westliche Bildung wird als falsch verurteilt. Kinder werden in den Krieg geschickt. Und Frauen unterdrückt! Die Entführung von fast 300 Schülerinnen im Norden Nigerias beschreibt hierbei einen neuen Tiefpunkt.

Ich werde hier nicht in eine Debatte über Sinn und Unsinn von Religion einsteigen. Das wäre vermessen und schlicht die falsche Plattform. Aber so lange man sich vor Terroristen nicht zu schützen weiß, kann und wird es in diesen Regionen keinen Fortschritt geben. Das lässt sich sogar über die Bedürfnispyramide von Maslow erklären: Wenn die Grundbedürfnisse und das Verlangen nach Sicherheit im eigenen Land nicht befriedigt sind, kann sich der Mensch nur sehr bedingt in seine Gesellschaft einbringen – und Innovationen stiften fast immer auch einen gesellschaftsrelevanten Zweck (ansonsten würden sie sich ja nicht verkaufen lassen). Solange aber den Staatspräsidenten der eigene Machterhalt wichtiger ist als der Schutz des Volkes und dessen Recht auf ein menschenwürdiges Leben, werden diese Länder Afrikas ihr Potential nicht ausschöpfen können.

Aber: So etwas funktioniert immer nur eine gewisse Zeit (aus Sicht der Machthaber). Dann nämlich wehrt sich das Volk, wie man noch vor kurzem vor allem im Norden des Kontinents beobachten konnte. Der Arabische Frühling ist nicht weniger als der radikale Ausdruck einer tiefwurzelnden Sehnsucht nach Neuem – nach der Möglichkeit, aus gewohnten Bahnen fliehen und sein Leben neu definieren zu können. Das scheint mir all den unterschiedlichen Interessensparteien gemein. Leider sind zu viele der involvierten Parteien gefangen in einem Kreislauf ihrer ganz individuellen und mit den Vorstellungen anderer unvereinbaren Weisheit. Und so glaubt der eine dies – und der andere jenes. Doch anstatt sich auszutauschen und voneinander zu lernen, besteht man auf den eignen Standpunkten und verbaut sich so den Weg in eine erfolgreiche Zukunft. Zumindest noch. Ich bin (weiterhin) optimistisch, dass die Vernunft als eine der Triebfedern des Fortschritts sich perspektivisch durchsetzen und zur Überwindung religiöser Ressentiments und elitärer Machtstrukturen führen wird.

Neben den zahllosen schrecklichen Bildern, die uns fast täglich in den Medien präsentiert werden, gibt es aber auch noch diese ganz andere, eine wunderschöne Seite an Afrika: Hier finden sich spannende Märkte mit nicht weniger spannenden Geschäftschancen. Die Menschen verspüren eine große Lust, endlich auch von der Globalisierung zu profitieren. Sie wollen sich aus ihrer gegenwärtigen Situation befreien und bestehen auf dem Recht, sich ihrem Potential entsprechend entfalten zu können. Das gilt vor allem für Ghana, Liberia und Kenia.

Da ich weiter oben auf eine sehr schreckliche Geschichte Nigerias – nämlich auf die Entführung von weit mehr als 200 Schulmädchen durch Boko Haram – Bezug genommen habe, fühle ich mich verpflichtet, auch auf das andere Gesicht dieses Landes hinzuweisen und Ihnen ein, wie ich finde, sehr schönes Beispiel für die Innovationskraft der hier lebenden Menschen vorstellen: „Save and Buy“!

Diese virtuelle Plattform hilft Menschen –insbesondere denen mit einem geringen Einkommen– auf bestimmte Lebensziele (z.B. einen Urlaub, ein Auto oder den Schulbesuch der eigenen Kinder) hinzusparen, Budgetpläne zu erstellen und anfallende Kosten in kleinen, verträglichen Raten zu begleichen. Und auch wenn Ihnen das normal vorkommen mag, so ist „Save and Buy“ eines der ersten Modell in dieser Region, das sich diesem Thema verschrieben hat und Menschen unterstützen möchte, am Leben zu partizipieren.

Innovationen entstehen immer im Kontext: Jede Gesellschaft hat ihre eigenen kleinen und großen Herausforderungen zu bewältigen. Deshalb kann es für uns (auch in der Beratung) nie darum gehen, irgendwelche Platzhalterstrategien zu vermitteln, sondern auf die individuellen Gegebenheiten einzugehen, passgenau Maßnahmenpakete zu entwickeln und in den gezielten Aufbau von Lösungskompetenzen zu investieren.

Die Leute sind hungrig – und zwar nach Fortschritt. Man glaubt wieder an eine lebenswerte Zukunft – an die Überwindung gegenwärtiger Probleme. Viele Afrikaner wollen sich nicht länger über Stammeszugehörigkeiten und Traditionen definieren lassen. Und das ist ihr gutes Recht (verdammt nochmal). Für sie entscheidet nicht die Herkunft einer Person, sondern die von jedem Einzelnen gewählte Lebensstrategie. Besonders deutlich wird das an den Menschen der „Society of Elegent People of the Congo“ [Sapeurs] – eine lebensfrohe Gruppe, die im Mittelpunkt einer vor geraumer Zeit veröffentlichten Guiness-Werbung steht.

Für diese Menschen zählt nicht, ob man in diesem oder jenem Viertel geboren wurde. Entscheidend ist allein die Einstellung zum Leben (auch zu dem anderer). Es ist ei ermutigendes Zeichen, dass sich eine solche Bewegung in einem autokratischen-geführten Land wie dem Kongo entwickeln konnte.

Made in Africa könnte in den nächsten 20 Jahren zu einem Qualitätssiegel werden – vor allem bezogen auf den Innovationsgrad neuer Produkte und Dienstleistungen. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen Kelvin Doe vorstellen – einen 15-jährigen Jungen aus Sierra Leone – der durch sein einzigartiges Geschick und seinen Erfindergeist sogar gestandene Ingenieure vom MIT ins Staunen versetzt.

Afrika wird in Zukunft zu einer Wiege des Fortschritts; da lege ich mich fest. Und Kelvin Doe lässt mich glauben, dass diese Zukunft vielleicht näher ist, als uns die Nachrichten über Not und Elend glauben lassen.

Menschen lieben Stereotypen – kleine vorgefertigte Bilder und Weisheiten, die ihnen abnehmen, sich eigene Gedanken machen zu müssen. Nur wenn auch wir umdenken und Afrika eine Chance geben, hat es eine Möglichkeit, sein Erfinderpotential voll auszuschöpfen. Das ist auch ein Entwicklungsbeitrag – und vielleicht sogar einer der wichtigsten, die wir leisten können.

Eine meiner Lieblingskampagnen in letzter Zeit war Opels Aufforderung an uns, gedanklich „umzuparken“, Routinen zu hinterfragen und starre Vorstellungen zu überdenken. Das kann man auf sein Bild von einer Marke beziehen – und auf vieles mehr. Es wird Zeit, dass wir unsere verkrusteten Vorstellungen von Afrika in den Ruhestand schicken und der heutigen Generation die Möglichkeit geben, ihre eigene Geschichte zu schreiben.

Auf bald

Jan Kristof Arndt

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Photo by Benny Jackson on Unsplash