Die „neuen Alten“ … oder: Demografie im Wandel

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Jan Kristof Arndt 26 März 2019

Für viele Probleme gilt, dass eigentlich nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde – nicht so für den demografischen Wandel – und auch nicht für die daraus resultierenden Konsequenzen! Natürlich gibt es Trendphänomene, deren Bart ein bisschen kürzer und nicht ganz so grau ist, wie der unserer immer älter werdenden Gesellschaft [z.B. das OuterNet, Big Data oder die Fab Revolution] – Aber dadurch verliert das Thema natürlich nicht an Brisanz. Oder an Relevanz. Die ganz großen Trends weisen oft eine Zyklusspanne von über 100 Jahren auf – und der demografische Wandel gehört ohne Zweifel in eben diese Kategorie.

Dabei wird der Begriff „Alter“ durchaus ambivalent assoziiert. Irgendwie möchte doch jeder von uns „alt“ werden. Aber „alt“ sein? Das will keiner! Wenn über Männer und Frauen jenseits der siebzig berichtet wird, dann häufig im Zusammenhang mit Altersarmut und Debilität, Sterbehilfe und Pflegemangel. Wer hat da schon Lust achtzig zu werden? Oder gar neunzig?

Hier in Deutschland –aber auch in vielen anderen Ländern– leben immer mehr ältere Menschen – und diese älteren Menschen werden heute älter als die älteren Menschen vor noch wenigen Jahren. Tendenz steigend. Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass sich unsere Lebenserwartung jedes Jahr um durchschnittlich zwei bis drei Monate erhöht – ein im Jahr 2010 geborenes Kind also auf 99 Jahre unter der Sonne hoffen darf; zumindest unter der in Zentral-Europa. Das könnte sich fortsetzen, bis eine natürliche Grenze erreicht ist, die – wie von der modernen Medizin vermutet – bei etwa 115 Jahren liegen dürfte. Aber was bei dem Einzelnen hier und da vielleicht zu Jubelrufen führen mag, ist gesellschaftlich betrachtet natürlich mit gewissen Problemen verbunden.

Um beurteilen zu können, wie hoch die zu überwindenden Hürden tatsächlich sind, machen wir erstmal einen kurzen FaktenCheck:

Wenn sich die momentane Entwicklung linear fortsetzt, wird es im Jahr 2050 Schätzungen entsprechend 50.000(!) Menschen in Deutschland geben, die 100 Jahre oder älter sind. Momentan sind es 5.000. Wenn Sie meinen, das wäre krass, dann fragen Sie mal unsere französischen Nachbarn, wie sehr die sich auf die Schar von (eigentlich unglaublich!) 180.000 Menschen freuen, die in knapp vierzig Jahren hundert oder älter sein und eine der stärksten Interessensvertretungen des Landes stellen werden.

Die wesentlichen Treiber dieser Entwicklung sind:

  • eine bessere medizinische Versorgung,
  • die Erkenntnis, dass regelmäßige Hygiene doch irgendwie sinnvoll ist,
  • die Umsetzung dieser Erkenntnis [Zwinker-Smiley]
  • die Verlagerung der Arbeit weg vom sekundären hin zum tertiären Sektor und
  • die Tatsache, dass nur die wenigsten von uns Krieg und Terror haben erleben müssen.

Positiv wirkt sich auch aus, wenn Sie weiblich sind und eine höhere Ausbildung genossen haben. Dadurch steigt Ihre Lebenserwartung um etwa vier Jahre. Ein höheres Gesundheitsbewusstsein, bessere Ernährung, mehr Sicherheit im Straßenverkehr und regelmäßiger Ausdauersport tun ihr übriges. Rauchen, Saufen (entschuldigen Sie den Ausdruck) und zu fettes Essen hingegen schützen vor dem Alt-werden … und das ziemlich erfolgreich.

Grundsätzlich gilt also: Wir werden älter! Zumindest die meisten von uns. Gleichzeitig erfahren wir seit Jahren (um genau zu sein seit den 1970er Jahren) rückläufige Geburtenraten, was zu einer proportionalen Veränderung der Mengenverhältnisse zwischen den Generationen geführt hat. So betrug der Anteil der unter 20-jährigen vor gut 50 Jahren noch knapp 30 Prozent, beläuft sich aber heute auf nur noch 18,2 Prozent! Im selben Zeitraum stieg der Anteil der Personen, die 60 Jahre und älter sind, von 17,4 auf 26,6 Prozent (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung). Was das für die intergenerative Stimmung und die sozialen Sicherheitssysteme bedeutet, kann sich ja jeder vorstellen. Und falls nicht, liefert Frank Schirrmachers Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ schaurige Einblicke in das, was da kommen wird … oder mag, je nachdem wie wir darauf reagieren.

Was also können wir tun? Wie können wir mit den beschriebenen Veränderungsprozessen umgehen? Nun, Eskimos setzen ihre Verwandten nach Erreichen eines bestimmten Lebensalters auf einer Eisscholle aus, aber das scheint mir keine adäquate Lösung für unsere „Herausforderung“. Es ist einfach nicht kalt genug in Deutschland! [Kleiner Scherz!] Nein, die Antwort wird uns von den älteren Menschen selbst präsentiert – denn die wenigsten von ihnen entsprechen dem Klischee und sitzen den ganzen Tag im Sessel, gucken Fernsehen und essen nur noch Püriertes. Wenn dem so wäre, dann würde auch ich mir wirkliche Sorgen machen. Aber „älter sein“ ist schon lange nicht mehr mit „alt sein“ gleichzusetzen [Stichwort: Downaging!]. Vorbei ist die Zeit, in der der Weg von der Krippe zur Bahre linear verlief und vorgezeichnet war. Tatsächlich unterscheidet man heute vier Stufen des „Alt-und-älter-werdens“ und nur in der letzten ist man unter Umständen tatsächlich nicht mehr in der Lage, seinen Tagesablauf aktiv mitzugestalten. Was man in den drei anderen Stufen davor erlebt –oder eben auch nicht– liegt vor allem an einem selbst. Und ob man mit Mitte 60 aufhört zu arbeiten oder … na ja, ich würde gerne schreiben, dass auch das an einem selbst läge … aber dem ist nicht so. Viele Menschen mit 65 empfinden das erzwungene Ausscheiden aus ihrem Beruf als „Zwangsverrentung“, würden sie doch viel lieber ein aktiver und integraler Bestandteil des Berufslebens bleiben – natürlich nur solange es wirklich noch geht.

Das mag nicht jeder so sehen. Und auch das muss natürlich akzeptiert werden. Menschen sollten sich nicht genötigt sehen, weiterarbeiten zu müssen. Wer nicht mehr kann oder will, der sollte auch seinen Ruhestand genießen dürfen. Aber andere können und wollen noch und dürfen trotzdem nicht – und das ist nicht mehr als das Relikt einer veralteten und industriegeprägten Gesellschaftsform, in der man schon mit Anfang 50 nur noch an den Ruhestand gedacht hat, weil man die Arbeit als Plackerei und den erforderlichen Einsatz als Belastung empfand. Ich verstehe sehr wohl, dass man Platz für die Jüngeren schaffen muss, aber doch nicht, indem die älteren Arbeitnehmer einfach ausgemustert und zum (gefälligst glücklichen) Rentner gemacht werden. Hier müssen Staat und Industrie gegensteuern und Angebote schaffen, die es -dem Ausweis nach- älteren Menschen erlauben, sich weiter einzubringen und einen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten. Ehemalige Lehrer bspw. könnten stärker in die Integrationsarbeit eingebunden werden, Ingenieure bei der Planung von Infrastrukturprojekten in Entwicklungsländern helfen und Manager als Berater für StartUps zur Verfügung stehen. Manche „Zwangs-Ruheständler“ machen das heute schon – freiwillig und auf eigene Faust – aber mir fehlt die Struktur, das Gerüst dahinter. Die Herausforderungen sind benannt, jetzt müsste man über konkrete Maßnahmen zur Umsetzung nachdenken.

Die Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam hat genau das getan und vor kurzem ein Team aus (wie sie es nennen) „Green Grannies“ zusammengestellt. Diese helfen jungen Menschen bei der Bewältigung kniffliger Lebenssituationen, geben ihnen Rat, aber auch nützliche Haushaltstipps, wie man z.B. im Winter Heizungskosten sparen und seine Wohnung trotzdem kuschelig warm halten kann. Es entsteht eine Win-Situation für alle Beteiligten – auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Die Jüngeren lernen etwas sehr Praktisches. Und die in das Projekt involvierten Rentnerinnen und Pensionärinnen haben weiter das Gefühl, einen nützlichen Beitrag zu leisten. Ob und in welcher Form die „Green Grannies“ für ihren Einsatz entlohnt werden, konnte ich den mir vorliegenden Artikeln über das Projekt nicht entnehmen – soll aber an dieser Stelle auch keine übergeordnete Rolle spielen.

Wie der französische Musiker und Komponist Daniel François Auber einmal sagte: „Alter ist noch immer das einzige Mittel, das man entdeckt hat, um lange leben zu können.“ Es ist an uns zu entscheiden, wie wir dieses Alter gestalten wollen – unser Alter, aber auch ein bisschen das anderer Menschen.

In kommenden Beiträgen über diesen –wie ich finde– spannenden Trend, setze ich mich mit den Themen „Intergenerative Konflikte in Unternehmen“ und „Die rüstigen Alten als Zielgruppe“ auseinander. Ich hoffe, damit auch Ihren Interessen zu entsprechen.

Auf bald

Jan Kristof Arndt

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