Weniger ist mehr

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Jan Kristof Arndt 26 März 2019

Jeden Tag sind wir einer Flut von Informationen ausgesetzt! Wir erfahren, dass irgendein Promi ab Oktober irgendein neues Fernsehformat moderiert, dass sich die Gründer einer angeblich bekannten Band wieder vertragen haben und dass ein amerikanischer Soldat in Afghanistan das gemacht und jenes gelassen hat.

Dazu kommen täglich mehr als 6.000 Werbebotschaften! Und jeder dieser Impulse will von uns gehört, will wahrgenommen werden.

Nun ist die menschliche Auffassungsgabe ja kein Fass ohne Boden (auch wenn die Falltiefe bis zum Boden durchaus unterschiedlich ausfällt). Ständig müssen wir neu entscheiden, mit was wir uns auseinandersetzen wollen. Und mit was nicht. Die Auswahl wird ständig größer – die Zeit sich zu entscheiden nimmt dagegen ab.

Dazu kommen Trends, die uns einem ständigen Wettlauf gegen uns und andere aussetzen; allen voran der globale Wettbewerb, in dem nicht nur die Möglichkeiten zugenommen haben, sondern auch die Risiken und die an uns gestellten Erwartungen. Alles muss schnell und schneller gehen! Früher hat man gemütlich ein Buch gelesen oder gekocht – Heute liest man quer und geht mittags zu McDonald’s. Früher hat man seine Bekannte noch zum Kaffee eingeladen – Heute geht man zum Speed Dating und versucht in sieben Minuten zu eruieren, ob einem die Partnerin fürs Leben gegenübersitzt. Die Amerikanische Grundsatzregel „First Date No Kiss“ gilt höchstens noch für puritanische Schwesternschülerinnen. Im wahren Leben hat man nicht mehr die Zeit, auf so was Triviales wie einen Kuss zu warten. Wenn’s keinen gibt, auch gut. Hauptsache man kann morgen wieder früh aufstehen – Zeit ist schließlich Geld. In der Men’s Health finden wir Anleitungstipps, was man machen muss, um in 6 Wochen ein Sixpack zu haben, in 6 Stunden eine Stadt kennenzulernen und in 60 Sekunden eine Frau zu verführen. „Wer rastet, der rostet“ und „Carpe diem“ sind längst mehr als kluge Sprüche aus Omas Zitatentruhe. Sie stellen die Überschrift unseres Lebens dar. Am Ende dieses Prozesses erleben immer mehr Menschen einen Burn Out als Reaktion ihrer völlig erschöpften Seele.

Nun gibt es zu fast jedem Trend auch einen Gegen-Trend. Slow Food zum Beispiel. Oder die Entschleunigung des Lebens. Downshifting ist in aller Munde. Und Simplify your Life war ein wahrer Bestseller. Und weil wahre Bestseller den angenehmen Nebeneffekt eines vollen Bankkontos mit sich bringen, haben die Autoren noch weitere Bücher darüber geschrieben, wie man Ordnung in seinen Kleiderschrank bekommt, wie man Kinder erzieht und wie eine gute Beziehung zu funktionieren hat.

Viel von dem kann unter dem Motto der Minimalisierung zusammengefasst werden: Weniger ist mehr! Und immer mehr wollen weniger. Und da eine bestimmte Anzahl an Menschen mit überschneidendem Bedürfnis einen Markt definiert, darf man als Unternehmen ruhig überlegen, wie man davon profitieren kann.

Minimalismus entwickelt sich zu einem neuen Konsummuster. Das zieht sich durch alle Bereiche: ob in der Malerei oder der Architektur, ob im Möbeldesign oder Fashionbereich. Minimal House wird längst nicht mehr nur in irgendwelchen Berliner Underground-Clubs gespielt und ShyTech erobert die Elektronikindustrie. Das iPhone ist auch deshalb erfolgreich, weil es sich so einfach bedienen lässt – ohne dass man vorher eine bibeldicke Bedienungsanleitung lesen musste.

Einige –die Hardcore Minimalisten– verstehen unter diesem noch jungen Trend die völlige Abwendung vom Konsum; da wird der Garten schnell als Beet, der Teich zur Fischzucht und die gesammelten Plastikflaschen als Baustoff für neue Möbel genutzt. Ob das so sein muss, sei mal dahingestellt bzw. ist jedem selbst überlassen. Für mich persönlich bedeutet Minimalismus die Hinwendung zum Wesentlichen und die Abkehr von der Überflussgesellschaft. Ich muss nicht mehr alles selbst besitzen. Der Zugang ist entscheidend (siehe auch: Heute schon geteilt …?).

Stellen Sie sich doch mal die Frage, wie sie der Sehnsucht vieler nach weniger Stress und mehr Selbstbestimmung, weniger Druck und mehr Qualität im Leben entsprechen können. Fällt Ihnen da etwas ein? Bestimmt. Ein erster von vielen Ansätzen: Konzentrieren Sie sich auf die von Ihnen angebotene Kernleistung und versuchen Sie, störende Nebengeräusche zu minimieren.

Auf bald

Jan Kristof Arndt