Den Mutigen gehört die Welt

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Jan Kristof Arndt 28 März 2019

Müssten wir die gegenwärtige Situation in Europa beschreiben, käme man sicher sehr schnell auf die Schulden- und Vertrauenskrise zu sprechen, auf die Vielzahl diskutierter Maßnahmen zur Bekämpfung dieser und das zunehmend angespannte Verhältnis zwischen Nord und Süd. Und selten in der Vergangenheit schienen die Vorstellungen über einzuleitende Lösungsmaßnahmen so weit auseinander zu liegen wie dieser Tage. Der eine fordert eine Vergemeinschaftung von Schulden, der andere die strikte Einhaltung und Umsetzung von Reformbeschlüssen. Der eine setzt auf Wachstum und würde lieber gestern als morgen die Druckerpressen anwerfen, damit er an neues Geld kommen kann. Der andere hingegen fordert Sparmaßnahmen, um überhaupt die Voraussetzungen für eine geordnete Konsolidierung zu schaffen. Noch nie –zumindest in meiner Wahrnehmung– lagen die Europäer so weit auseinander, wenn es darum ging, festzulegen, was richtig und was falsch ist und wie das Richtige auch richtig umgesetzt werden könnte.


Was ist effektiv? Und was effizient? Welche Maßstäbe legen wir zur Bewertung an? Und welche Gültigkeit besitzen diese in zehn oder zwanzig Jahren?

Wir –zumindest die meisten von uns– sind immer sehr bemüht, die Dinge richtig zu machen – effizient zu sein. Aber ob es auch die richtigen Dinge sind, die wir verfolgen – wir also effektiv sind – das fragen wir uns nicht. Zumindest nicht regelmäßig. Ist das Ziel erst einmal formuliert, hecheln wir diesem hinterher wie der Hund dem Hasen. Aber: Alles ist dazu verdammt, irgendwann neu definiert zu werden. Selbst wenn wir in der Vergangenheit einmal das Richtige richtig gemacht haben, so heißt das noch lange nicht, dass das heute noch der Fall ist, geschweige denn in Zukunft noch so sein wird. Ziele aufzugeben, ist schwer. Irgendwie hat man dabei immer ein bisschen auch den Geschmack des Scheiterns im Mund – und der ist bitter. Das Problem: Es macht erst dann Sinn effizient zu sein, wenn man auch effektiv ist. Oder warum sollte ich mich bemühen, möglichst schnell zu laufen, wenn ich doch weiß, dass es in die falsche Richtung geht. Das gilt für die Politik, aber natürlich auch für die Wirtschaft – egal, ob Sie Seifenspender vertreiben, Senf produzieren oder eben versuchen Europa zu retten.

Wer entscheidet, was richtig ist? Und was nicht? Was in der Politik schwer zu beantworten scheint, ist in der Wirtschaft eigentlich ganz einfach: der Markt. Wenn der Markt etwas nicht will … Na ja, dann will er es eben nicht. Gut, ganz so ist es auch nicht: Ich kann versuchen, ihn durch Imageinnovationen zu blenden, durch Werbung zu verführen, durch eine Vereinfachung des Zugangs zu locken –und wahrscheinlich funktioniert das sogar eine Zeit lang– aber irgendwann ist Schluss damit. Von da an kann man entweder den vor Jahren eingeschlagenen Weg weiter verfolgen … und wahrscheinlich scheitern. Oder aber, man orientiert sich neu und überlegt, wie man Angebote schaffen kann, die auch in Zukunft nachgefragt werden. Das mag zu Zeiten verkäuferdominierter Märkte –wie in den 1950er und 60er Jahren– noch anders gewesen sein. Damals war das Angebot knapp und die Anbieter einer Ware entschieden, was überhaupt gehandelt wurde und was nicht. Aber heute entscheidet der Kunde über den Erfolg von Produkten. Und sonst niemand!

Um die ausgetretenen Wege alten Denkens zu verlassen und neue zu suchen, benötigt man eine gute Ausrüstung (z.B. ausgewählte Techniken des Innovationsmanagements). Und man braucht Mut. Sogar sehr viel Mut, denn oft genug weiß man nicht, wie es weitergeht, ob man links oder rechts abbiegen sollte. Aber, wie der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti einmal sagte: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge (also den Mut hätte), um zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“

Mut wird in Zukunft zum entscheidenden Differenzierungsfaktor. Egal, ob die Gründer von Soundcloud, Aboutyou oder Trello – all diese (und noch viele mehr) würden heute doch nicht als Erfolgsbeispiele in ihrem Bereich gefeiert werden, wenn sie nicht den Mut gehabt hätten, die in ihrem Markt geltenden Regeln zu brechen und neue zu definieren. Nicht alle natürlich. Aber entscheidende.

Aus den Fußstapfen seiner Vorgänger (evtl. sogar seiner Vorbilder) herauszutreten und nach eigenen Wegen zu suchen, erfordert unglaublich viel Courage – Courage, die nur die wenigsten tatsächlich besitzen. Die Angst vor Veränderung ist eine ur-menschliche und deshalb Teil unseres genetischen Quellcodes. Wenn man so will, kann Mut als Ressource der Zukunft – als seltene Erde – bezeichnet werden. Das Gute aber ist: Es gibt Techniken –allen voran „Radical Change“– die es uns erlauben, mit System mutig zu sein – auch wenn wir Angst davor haben. Den Fortschritt verdanken wir nicht nur den Unzufriedenen, sondern vor allem den Mutigen – Menschen, die es gewagt haben, anders zu sein, anders zu denken und das was sie dachten in die Tat umzusetzen. Ich weiß, das klingt wie eine Bewerbung für den nächstjährigen Sprüche-Kalender, aber das macht es nicht falsch, oder?

Eigentlich geht es uns ganz gut in Deutschland. Aber ob das in Zukunft noch so sein wird, hängt nicht allein davon ab, ob wir tatsächlich irgendwann der Schuldenübernahme in Europa zustimmen … oder eben nicht. Nein, eine nicht weniger wichtige Frage lautet, ob wir mutig genug sein werden, in die Aufrechterhaltung des gewohnten Standards zu investieren – und zwar, indem wir mit dem Gewohnten brechen –also mit den gewohnten Mitteln zur Zielerreichung– und stattdessen neue, aussichtsreiche Wege gehen. Die Tendenz ist leider negativ. Während in den OECD-Ländern mehr als 50% der aufgewendeten F&E-Mittel in ausgewählte „Spitzentechnologien“ fließen, konzentrieren wir uns in Deutschland vorwiegend auf Bereiche der „gehobenen Gebrauchstechnologien“. Wir drohen den Anschluss zu verlieren und das würde die Abhängigkeit Deutschlands von Spitzen-Anbietern (dazu zählt u.a. die „Pharmazeutische Industrie“, die „Medizin-„ und „Messtechnik“) spürbar erhöhen. Ein weiteres Problem: Innovationen im Spitzenbereich versprechen die höchsten Wachstumspotentiale und fungieren oft als Querschnittstechnologien, d.h., dass das in diesen Branchen entwickelte Wissen auch in anderen Märkten Anwendung findet und so zu übergreifendem Erfolg beiträgt (vgl. „Der ifo Wirtschaftskompass“). Allerdings weiß man oft nicht, wie sich F&E-Anstrengungen über die Jahre entwickeln – ob etwas wirklich zur Spitzentechnologie reift und die beschriebenen Effekte verspricht. Und da treten wir in Deutschland eher auf die Bremse und investieren in das Gewohnte, das Sichere. Auch deshalb schneiden wir im Uncertainty Avoidance Index schlechter ab als z.B. Schweden oder Dänemark, die Risiken beachten, sich aber in ihren Anstrengungen nicht von diesen lähmen lassen. Die zentrale Frage lautet: Wie hoch ist die Abneigung gegenüber unvorhergesehenen Situationen? Und wir müssen leider sagen: Bei uns ist sie relativ hoch. Nicht so wie in Griechenland oder Uruguay, aber deutlich höher als in den USA und Neuseeland.

Wissen kann man kopieren – Mut muss man erbringen. Und das liegt nicht jedem. Auch deshalb glaube ich, dass Mut in Zukunft die vielleicht wichtigste Ressource sein und damit einen wesentlichen Faktor zur Differenzierung im globalen Wettbewerb darstellen wird. Der Wille und die Bereitschaft tatsächlich neue Wege gehen zu wollen, ist kein Zufallsprodukt, sondern innere Einstellung. Wie Henry Ford einmal sagte: „Whether you think you can or whether you think you can’t – you are right!“

Bis bald

Text: Jan Kristof Arndt | Autor des Buchs "Von Regelbrüchen ... oder der Kunst, merkwürdig zu sein"

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Foto: Markus Spiske auf Unsplash